„Lasst uns ihn holen!“ Die Ehefrau hatte es satt, ständig von „Verzögerungen bei der Arbeit“ zu hören, und beschloss, selbst herauszufinden, wo ihr Mann seine Abende verbrachte.

Es waren noch zwanzig Minuten bis zu Kirills Büro. Veronica fuhr ruhig, aber zu sanft. Galina saß neben ihr und warf ihr verstohlene Blicke zu. Ihre Finger umklammerten das Lenkrad fest, ihre Knöchel traten weiß hervor, und auf ihren Wangenknochen bildeten sich dunkle Flecken. Veronicas Gesicht war ausdruckslos, nur ihre Augenbrauen waren zusammengezogen.

– Nika, falls er da ist… mit jemandem… dann stürze dich nicht gleich hinein.

Türen und Fenster

– Ich werde hier auf der Straße keine Show abziehen.

– Bußgeld.

— Ich will Fakten.

Sie fuhren um neun Uhr zum Geschäftszentrum vor. Der Parkplatz war fast leer. Kirills Auto war nicht da.

Veronica war nicht einmal überrascht. Sie blieb an der Absperrung stehen und wählte die Nummer ihres Mannes. Ein langer Piepton. Dann wurde aufgelegt.

Immobilien

Eine Minute später kam eine Nachricht an:

„Ich kann nicht reden. Der Chef ist in der Nähe.“

Galina wandte sich dem Gebäude zu. In den Fenstern des Stockwerks, in dem Kirill arbeitete, war das Licht aus.

„Die Chefs tappen also im Dunkeln“, sagte sie leise.

Veronica öffnete den Navigator und fand schnell die Adresse des Blumenladens anhand der Banktransaktion.

Kaffee

– Lass uns dorthin gehen.

Der Blumenladen befand sich im Erdgeschoss eines neuen Wohnkomplexes. Ein leuchtendes Schild erhellte den nassen Asphalt, und Eimer mit Rosen und Chrysanthemen standen in der Nähe des Eingangs. Veronica parkte gegenüber.

„Was kommt als Nächstes?“, fragte Galina.

— Wir warten.

Die Wartezeit war kurz. Zehn Minuten später hielt Kirills Wagen um die Ecke. Er hielt am Eingang des Nachbargebäudes, stieg mit einem  Blumenstrauß in der Hand aus, rückte den Kragen seines Mantels zurecht und betrachtete sein Spiegelbild in der Glastür.

Wörterbücher und Enzyklopädien

Veronica rührte sich nicht. Sie atmete lediglich langsam durch die Nase aus und presste die Lippen zu einer dünnen, geraden Linie zusammen, als wolle sie ihre Worte mit den Zähnen zurückhalten.

Kirill gab den Code in die Gegensprechanlage ein und ging hinein.

Galina fluchte leise.

– Nika…

– Sitzen.

Gewalt und Missbrauch

— Wohin gehst du?

– Dort.

— Was, wenn er nicht allein ist?

Veronica drehte den Kopf.

– Genau deshalb.

Sie stiegen aus dem Auto und gingen zum Eingang. Die  Tür schloss sich, doch fast augenblicklich kam ein Mädchen mit einem Hund heraus. Veronica hielt die Tür auf und folgte ihr hinein, ohne sich umzudrehen.

Blumen

Der Aufzug zeigte den siebten Stock an. Veronica drückte den Knopf und wartete. Im Eingangsbereich roch es nach frischer Farbe, nassem Hundehaar und den Essensresten anderer Leute. Galina stand in der Nähe und filmte bereits mit ihrem Handy, ohne es jedoch allzu auffällig in die Hand zu nehmen.

„Nur für alle Fälle“, flüsterte sie.

Veronica nickte.

Im siebten Stock befanden sich vier Wohnungen. Aus einer von ihnen drang Musik. Nicht laut, aber gemütlich. Das Lachen einer Frau. Dann Kirills Stimme – sanft, zufrieden, so wie er sie zu Hause schon lange nicht mehr gehört hatte.

Türen und Fenster

– Ach komm schon, es steht dir doch gut. Ich hab dir doch gesagt, dass ich es mit Geschmack ausgewählt habe.

Veronica blieb vor der Tür stehen. Kirills Herrenschuhe standen auf dem Teppich. Genau die, die sie ihm im Herbst gekauft hatte, weil seine alten nass geworden waren. Daneben stand ein Paar dünnsohlige Damenstiefel.

Galina berührte ihren Ärmel.

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