TEIL 2
„Sind Sie mein Vater?“
Olivia fragte leise, ohne Vorwurf, ohne Angst, mit jener unschuldigen Neugier, die nur ein Kind empfinden kann, wenn es einen Raum voller Erwachsener betritt, die das Atmen verlernt haben.
Marcus öffnete den Mund, aber kein Laut kam heraus.
Neben ihm stützte die blonde Frau im roten Kleid eine Hand auf die Stuhllehne; ihr Verlobungsring funkelte im Licht, während ihr Gesicht erbleichte. Patricia stand neben den Glasscherben, die Hände auf der Brust, und sah meine Kinder an, als hätte sich der Weihnachtsmorgen plötzlich geöffnet und eine Wahrheit offenbart, die sie acht Jahre lang verdrängt hatte.
Noah kam auf mich zu. Ethan beobachtete Marcus mit vorsichtigem Interesse. Sophias Augen suchten den Raum ab und analysierten die Gesichter, wie immer, wenn ihr etwas seltsam vorkam. Olivia, die immer noch auf eine Antwort wartete, legte den Kopf schief.
Ich legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
„Darüber müssen die Erwachsenen erst einmal reden“, sagte ich.
Sie runzelte die Stirn. „Aber sie sieht aus wie Ethan, wenn Ethan wütend ist.“
Jemand im Raum stieß einen nervösen Laut aus. Es war kein Lachen. Eher Panik, die sich hinter einer Maske versteckte.
Marcus blinzelte und fand endlich seine Stimme wieder. „Kesha.“
Nach all den Jahren klang mein Name seltsam aus seinem Mund.
„Marcus“, erwiderte ich.
Patricia machte einen zögernden Schritt nach vorn. „Vier?“
Das Wort zitterte in der Luft.
„Ja“, sagte ich. „Vier.“
Ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen. „Du hattest vier Kinder?“
„Ich hatte vier Kinder“, korrigierte ich sanft. „Babys werden groß.“
In diesem Moment verfinsterte sich ihr Gesicht. Nicht dramatisch. Es war nicht gespielt. Sie zog sich einfach still in sich zurück, wie eine Frau, die plötzlich erkennt, wie viel Leben ohne sie geschehen ist.
Die blonde Frau sah mich an und dann Marcus. „Du hast mir gesagt, sie hätte gelogen.“
Der Raum veränderte sich.
Marcus schluckte. „Celeste, ich …“
„Du hast mir gesagt, es gäbe kein Kind“, sagte Celeste. Ihre Stimme war leise, vorsichtig und viel bedrohlicher als ein Schrei. „Du hast gesagt, sie hätte es erfunden, um dir eine Falle zu stellen.“
Meine Kinder sahen mich an. Vier Augenpaare, verwirrt von Worten der Erwachsenen, die sie nicht ganz verstanden, aber deren Bedeutung sie spürten.
Ich bewahrte ihnen gegenüber Ruhe.
„Dieses Gespräch findet nicht vor den Kindern statt“, sagte ich.
Marcus’ Vater, Harold, erschien in der Tür zum Esszimmer. Er sah dünner aus, als ich ihn in Erinnerung hatte, sein silbernes Haar war ordentlich gekämmt und der Kragen seines Weihnachtspullovers saß etwas schief. Sie sah die Kinder an, dann mich, und ihr Gesichtsausdruck verriet etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Wie schade.